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Morbides Mecklenburg: St. Jürgen-Friedhof Stralsund

Moin!

 

Heute starte ich eine neue Reihe, die sich passend zur dunklen Jahreszeit mit den düsteren Seiten von Mecklenburg-Vorpommern befasst. Neben morbiden Sagen und Märchen reisen wir auch an historische Orte. Der erste, den ich euch heute vorstellen möchte, fasziniert mich schon seit Kindestagen: der St. Jürgen-Friedhof in Knieper Nord.

 

Friedhof der Armen und Kranken

 

Der Friedhof St. Jürgen entstand als Anlage des gleichnamigen Klosters im noch jungen Stralsund. Es wurde im Jahre 1278 gegründet und gelangte als Hospital schnell zu zentraler Bedeutung. Die Finanzierung fand durch Spenden der Stralsunder Bürger statt. Neben Geld gab es auch Sachspenden, von denen Gartenland sehr wichtig war. Verschiedene Gebiete wurden zusammengelegt, sodass im Jahre 1325 der St. Jürgen-Friedhof gegründet werden konnte. Die Erlaubnis erteilte der Fürst Wartislaw IV., dessen Tod ein Jahr später die Erbfolgekriege zwischen Mecklenburg und Pommern auslöste.

 

Auch wenn es heute anders scheinen mag, war die Anlage die längste Zeit ihrer Existenz die Ruhestätten der Armen und der Seuchentoten, deren Angehörige sich kein Begräbnis innerhalb der Stadtmauern leisten konnten. Weil hier keine Begräbnisse für Angehörige höherer Schichten vorgesehen waren, gab es keine Feierhalle oder Kapelle. Die Trauerfeiern fanden in einer der Stadtkirchen statt, von denen aus der Trauerzug vor die Mauern Stralsunds zog.  

 

 

St. Jürgen und Wallenstein

 

Eine markante historische Wegmarke des Friedhofs war die Zeit des Dreißigjährigen Krieges, als Stralsund vom kaiserlichen General Wallenstein belagert wurde. Er ließ viele wichtige Städte in Pommern besetzen, hatte es aber explizit auf Stralsund als wichtigen Seehafen abgesehen. Während viele Städte kampflos übergeben wurden, entschloss der damalige Bürgermeister Lambert Steinwich (nach dem heute eine Schule benannt ist), dass die Stadt zu verteidigen wäre. Wallenstein bot an, im Gegenzug für eine Zahlung in Höhe von 150.000 Goldstücken die Stadt doch noch zu verschonen. Das Angebot schlug Steinwich aus und nahm stattdessen Kontakt zur schwedischen Krone auf, die die militärischen Gegner Wallensteins darstellten. 

 

Währenddessen schloss das kaiserliche Heer einen Belagerungsring um Stralsund. Da auf beiden Seiten Tote zu beklagen waren, mussten sie auch irgendwo bestattet werden. So kam es zu der historisch sehr seltenen Situation, dass auf St. Jürgen die Gefallenen beider Fraktionen beerdigt wurden. Normalerweise wurden Begräbnisstätten von militärischen Kontrahenten, die zumal noch konfessionell verfeindet waren, fast ausnahmslos getrennt voneinander angelegt.

 

Wie die Belagerung ausging? Die Stadt hielt etwa drei Wochen lang stand, bis ein königlich-schwedisches Entsatzheer Wallensteins Truppen schlagen konnte. In Erinnerung an diese schwere Zeit werden seit 1828 die Wallensteintage in Stralsund gefeiert - es ist damit eines der ältesten noch lebendigen Volksfeste Deutschlands. Aber das wird Teil eines anderen Blogposts!

 

 

Vom Seuchenfriedhof zur Ruhestätte des Bürgertums...

 

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts entfalteten sich die Gedanken der Aufklärung und veränderten die Gesellschaften fundamental. So hatte sie auch ihren Einfluss auf die Begräbniskultur. Nicht nur Adelige legten Wert auf posthumen Nachruhm, sondern auch das zu Wohlstand gekommene Bürgertum. Das spiegelte sich in eindrucksvollen, quasi-religiös anmutenden Familiengruften oder Wandgräbern (ab 1873) wider. Auf dem hiesigen St.-Jürgen-Friedhof finden sich beide Varianten, die mit Stilmitteln verschiedener Epochen gestaltet wurden. Den Grundstein für den Wandel legte einerseits ein 1778 erlassenes Dekret der Schweden, dass innerhalb der Stadtmauern zum Zwecke des Trinkwasserschutzes keine Begräbnisse mehr stattfinden dürften. Andererseits kaufte sich die Fürstin von Putbus nahezu gleichzeitig eine Grabstätte auf dem Friedhof, was das "Image" der Ruhestätte erheblich verbesserte. So wurde nach Jahrhunderten die einstige letzte Ruhestätten der Armen und Seuchenopfer auch zu der des Bürgertums und sogar Adels.

 

 

... und plötzlich ein Park

 

Im Jahr 1913, kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, wurde das Areal des Gräberfelds nördlich der Wandgräber erweitert. Beauftragt wurde ein Berliner Landschaftsbaumeister, der der Tendenz folgte, Friedhöfe zu "öffnen" und als öffentliche Parks zu gestalten. Daraus folgte ein sehr viel regelmäßigerer Aufbau, damit die Bürger der Stadt hier einen Ort zum Erholen, der Ruhe und Entspannung finden können. 

 

Die beiden Weltkriege brachten viele Tote mit sich. Für die Gefallenen von 1914 - 1918 wurde vermutlich im Westen des Areals angelegt, jedoch im Zuge späterer Umgestaltungen wiederum vernichtet. Von den Leben, die im Zweiten Weltkrieg blieben, zeugt noch heute ein Kriegsgräberfeld im Norden von St. Jürgen. 

 

 

Schwindende Bedeutung

 

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde 1945 der Zentralfriedhof eröffnet, der bis heute die Hauptruhestätte Stralsunds ist.  St. Jürgen näherte sich allerdings auch der Belegungsgrenze, sodass schlichtweg eine Alternative gefunden werden musste. Sie wurde 1964 mit einer Zahl von 34.000 Begrabenen erreicht. Das letzte offizielle Begräbnis fand statt, danach waren nur noch Ausnahmen für verdiente Bürgerinnen und Bürger der Stadt zugelassen. Außerdem gab es bis 1982 noch vereinzelte Urnenbeisetzungen.

 

Von 1986 bis in die Mitte der 1990er-Jahre wurde auf St. Jürgen viel Schaden durch Vandalismus angerichtet. Statuen wurden zerstört, gusseiserner und metallener Grabschmuck abgebrochen und höchstwahrscheinlich zum weiteren Verkauf eingeschmolzen. Dadurch kann beim heutigen Spaziergang über diesen historischen Ort die frühere Schönheit nur noch erahnt werden...

 

 

Wenn ihr mal in Stralsund zu Besuch seid, dann kann ich euch einen Besuch dieses ruhigen, wundervollen Ortes empfehlen, der immer noch von einem Hauch Mysterium umweht wird. Oder wenn ihr Stralsunder seid, nutzt doch noch den passenden Herbst, um mal wieder auf St. Jürgen spazieren zu gehen, um nebenbei noch in ein paar Jahrhunderte Stadtgeschichte einzutauchen.

 

Wie sieht es bei euch aus: Mögt ihr Friedhöfe in eurer Region? Und interessiert euch, noch mehr über andere Grabfelder zu erfahren? Lasst es mich in den Kommentaren wissen!

 

Bis zum nächsten Mal und bis dahin eine schöne Zeit,

 

Felix

HEIMATLICHT:MV

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